neue Gedanken
Grundgedanken
frühere Gedanken
andere Gedanken
Gedankenaustausch
Gedankenanstöße

Philipp und Agnes

Am sechsten Tag erschuf Gott den Menschen nach seinem Abbild, und er schuf ihn als Mann und Frau, und er nannte den Mann Philipp und die Frau Agnes, und er wollte, dass sie wie alle Lebewesen fruchtbar seien und sich mehrten. Nur gab es da leider ein Problem: Gott liebte nur sich selbst und alles, was er geschaffen hatte, was nicht weiter schlimm war, da Gott alles erschaffen hatte. Aber als er den Menschen nach seinem Abbild schuf, liebten auch Philipp und Agnes nur sich selbst, und statt sich fortzupflanzen, streiften sie einsam, aber nicht unglücklich, durch den Garten Eden und befolgten alle sonstigen Gebote Gottes. Und Gott sah, dass es schlecht war, und hegte heiligen Groll gegen Philipp und Agnes.
Eines Abends erschuf Philipp eine Statue aus Lehm, die ihm verblüffend ähnlich sah und die er wie alle seine Schöpfungen abgöttisch liebte. Gott sah, dass sein Moment der Rache gekommen war, und als Philipp sich zur Ruhe legte, Hauchte er seinen Atem in die Statue und nannte sie Adam. Und da der allwissende Gott dazugelernt hatte, schuf er die Frau, die er Eva nannte, nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Teil Adams, nämlich seiner Rippe. Und tatsächlich verliebte sich Adam sofort in Eva, und sie legten sich zusammen schlafen.
Als Philipp und Agnes am nächsten Morgen erwachten, entdeckten sie Adam und Eva, eng umschlungen. Und Philipp, der Adam immer noch liebte, verspürte zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Eifersucht, und auch Agnes spürte ein unerklärliches Verlangen nach Eva. Die beiden folgten dem ersten Liebespaar der Menschheit und erkannten, dass sie chancenlos waren, woraufhin sie sich in einer einsamen Höhle zusammensetzten, sich gegenseitig ihr Leid klagten und Unmengen vergorenen Traubensafts tranken. Keiner von beiden konnte sich am nächsten Morgen erinnern, was genau geschehen war, doch es stellte sich schon bald heraus, dass Agnes schwanger war, (denn Präservative oder gar die Pille waren in Gottes Paradies völlig unbekannt) und sie erzählte Philipp davon. Der allgegenwärtige Gott, der zufälligerweise in der Nähe war, erhaschte einige Fetzen ihres Gesprächs, gerade genug von ihrem Gespräch, um mitzubekommen, was geschehen war. Und da er entschieden hatte, dass Adam und Eva die Eltern des Menschengeschlechts sein sollten, wurde er äusserst ungehalten, und so erschien er Philipp und Agnes, machte kurzen Prozess und verstiess die beiden aus dem Paradies. Knappe neun Monate später wurde ihnen eine Tochter geboren, und sie nannten sie Andrea.
Viele Jahre gingen ins Land, Andrea wuchs als Einzelkind auf, denn Philipp und Agnes liebten sich immer noch nicht, aber sie beide liebten ihre Tochter und so hatten sie sich entschieden, sie gemeinsam aufzuziehen, bis sie aus dem Haus war. Bloss stellte sich heraus, dass Andrea keinerlei Ambitionen zeigte, das Hotel Mama in annehmbarer Zeit zu verlassen. Schliesslich hatte sie ja niemanden, mit dem sie einen neuen Haushalt hätte gründen können.
Eines Tages tauchte unvermittelt ein schweigsamer, abgemagerter Fremder vor ihrer Hütte auf. Er nannte sich Kain, und schon bald begann er, mit Andrea in den Hügeln hinter der Hütte zu verschwinden. Eines Abends fragte er Philipp und Andrea, ob er ihre Tochter heiraten könne, und die beiden stimmten ohne zu zögern zu.
Kaum waren Kain und Andrea ausgezogen, feierten Philipp und Agnes bis spät in die Nacht hinein mit vergorenem Traubensaft und entschlossen sich, danach auseinander zu gehen. Keiner von beiden wusste am nächsten Morgen, was geschehen war, doch Agnes entdeckte bald, dass sie schwanger war. Doch sie kümmerte sich diesmal nicht darum und setzte die Kleine in der Wüste aus, wo sie von Adam und Eva gefunden werden sollte und später deren Sohn Seth heiratete. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
14.3.06 23:40


 [eine Seite weiter]

Gratis bloggen bei
myblog.de

Essays     Kurzgeschichten     Lyrik

   

powered by
myblog.de



Ich bin ein Mensch,
der mit Gedanken spielt.
Aber was ist ein Mensch anderes
als ein Produkt
seiner eigenen Wahrnehmung?

Bin ich also ein Mensch
oder nur ein Phantom
mit Selbst-Bewusstsein?