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Kurzgeschichten

Rabbi

Unruhig tigerte ich im Zimmer hin und her. Wo Robert nur blieb? Es war schon deutlich nach Mitternacht. Selbst wenn sein Flug Verspätung hatte, nach so langer Zeit hätte das Flugzeug kein Kerosin mehr gehabt. Sein Nichterscheinen warf all meine Pläne über den Haufen. Wir hatten uns hier in New York treffen wollen, um uns gemeinsam auf die Konferenz vorzubereiten. Unsere Ergebnisse waren eindeutig und bahnbrechend. Das bedeutete aber auch, dass wir behutsam vorgehen mussten, wenn wir tatsächlich alle überzeugen wollten; einige lieb gewordene Vorurteile mussten aufgegeben werden.

Ich goss mir einen weiteren Scotch ein. Was, wenn er überfallen und seine Dokumente gestohlen waren? Das wäre eine Katastrophe, aber unwahrscheinlich; Robert war ein vorsichtiger und gewissenhafter Mensch. Er hätte dafür gesorgt, dass ihm nichts geschehen konnte. Und andernfalls hätte ich schon von ihm gehört, er hätte sich mit Sicherheit bei mir gemeldet. Auch wenn er den Flug verpasst gehabt hätte. Was war nur los? Ich konnte es mir nicht erklären.

Der goldbraune Alkohol floss über meine Zunge und hinterliess einen Geschmack nach Rauch und Torf. Ich war müde, aber das störte mich weniger als alles andere. Roberts enorme Verspätung, der Streit mit Erika und Finns Krankheit waren wichtiger. Und die Konferenz natürlich. Wenn man schon so gut gearbeitet hat, will man doch auch seine Anerkennung, oder?

Lautes Klopfen weckte mich auf; ich musste eingeschlafen sein. An der Tür stand ein Hotelboy, der genauso aussah wie alle anderen. "There's a Rabbi downstairs in the lobby waiting for you", sagte er. Ich blinzelte. Was wollte denn ein Rabbi von mir? Noch dazu um zwei Uhr nachts? Denn so spät war es laut meiner Rolex.

Etwas enttäuscht wich der Boy zurück und überliess mich wieder mir und meinen Gedanken. Ihre Vorwürfe wegen dieser so lange vergangenen Geschichte. Es war vorbei, und damit musste es sie auch nicht mehr interessieren. Noch dazu war ich bei ihr geblieben, Finn zuliebe. Mich gegen den besten Sex menes Lebens entschieden. Was wollte sie denn noch? Ich kroch vor ihr ja schon so zu Kreuze. Sie behandelt mich, als wäre ich das letzte Arschloch. Soll sie doch froh sein, mit einem zukünftigen Nobelpreisträger verheiratet zu sein!

Und Finn... Ihm machte der Krebs ziemlich zu schaffen. Die Ärzte konnten nichts für ihn tun. Wollten sie den Tumor entfernen, sie hätten ihn erst töten müssen, sein Hirn so zerfetzt, dass er es nicht überlebt hätte. So warteten wir jetzt. Gibt es etwas schlimmeres, als die eigenen Kinder, die eigene Zukunft sterben zu sehen? Die Vergangenheit spielt keine Rolle, oder nur eine bescheidene. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Und die eigenen Pläne und Hoffnungen. Alles Vergangene ist nichts anderes als Bedingung für das jetzt Mögliche.

Wo Robert blieb? Es war schon kurz vor halb drei. Seit fast zwölf Stunden sollte er in New York sein. Noch ein Scotch. Ich würde morgen einen Kater haben, aber es kümmerte mich nicht. Ohne Robert war die Konferenz sowieso gelaufen. Er hatte alle Papiere, den unumstösslichen Beweis, dass wir mit unserer These recht hatten. Ohne ihn konnte ich mich genausogut erschiessen. Und dieser komische Rabbi... Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich hastete zur Tür, zum Lift. Der Hotelboy kam mir entgegen, setzte wieder zu sprechen an: "There..." "I know, I know", antwortete ich, "I'm on the way!". Ich konnte Robert nicht länger warten lassen. Ich brauchte ihn, spätestens morgen früh. Und ich hatte ihn schon eine halbe Stunde länger sitzen gelassen als nötig. Wie blind ich gewesen war! Er hatte sich als "Robi" angemeldet, um nicht aufzufallen. Die Rezeptionistin hatte seinen Namen falsch verstanden und einen Rabbi angemeldet. So musste es gewesen sein. Und ich war zu blind gewesen, zu müde vielleicht auch. Die ganze Angelegenheit war mir ziemlich peinlich.

Ich drückte stürmisch den Knopf fürs Erdgeschoss. Der Lift reagierte viel zu langsam, schloss seine Türe so, als wolle er um jeden Preis noch eine Herde Schildkröten hereinlassen. Das würde sich ändern mit unseren Erkenntnissen; wir hatten das Geheimnis der Zeit gelüftet, konnten seinen Fluss steuern. Zeit würde zum Konsumgut werden, man würde sich verjüngen oder in die eigene Vergangenheit zurück. Blühende Zeiten kamen auf uns zu.

Die Lifttür öffnete sich. In der Lobby drängten sich knappe zweihundert Rabbis aneinander, alle mit Lodenmantel, Bart und Hut.
16.11.07 18:42


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